Aug
16
2014

Der Gold-Rausch von Athen

Vor zehn Jahren gewann die Potsdamerin Yvonne Bönisch als erste deutsche Judoka ein olympisches Finale

Pressebericht MAZ – Ronny Müller

Anfangs ist Yvonne Bönisch nachts öfter wach geworden. Doch wenn sie dann ihre olympische Goldmedaille neben sich liegen sah, konnte sie beruhigt wieder einschlafen. Heute vor 10 Jahren ist die Potsdamerin in Athen erste deutsche Judo-Olympiasiegerin geworden.

Als das Finale beendet war, lag sie mehrere Sekunden auf dem Rücken und ließ den Triumph wirken. “Ich wollte mich sammeln, den Moment aufsaugen”, erzählt die 33-Jährige zehn Jahre später.Damals sei sie den Weg nach Athen noch einmal abgeschritten. “Lange Zeit war gar nicht sicher, ob ich es zu Olympia schaffe.”
Die nationalen und internationalen Nominierungshürden waren hoch. Und die gebürtige Ludwigsfelderin hatte einen komplizierten Anlauf. Ein Jahr vor Olympia hatte sie sich den Ellenbogen ausgekugelt. Als sie ihre Startberechtigung endlich in der Tasche hatte, kam der nächste Schock: das Kospech bescherte ihr im ersten olympischen Kampf die Spanierin Isabel Fernande, Olympiasiegerin von Sydney 2000. “Das wollte ich auf gar keinen Fall”, erinnert sich Yvonne Bönisch. Heute kann sie darüber lächeln. Denn vielleicht was das Kospech ihr großes Glück. “Es war ein harter Kampf mit vier Wertungen.” Doch der Sieg als Außenseiterin setze Kräfte frei. “Ich war wie in einem Rausch.”
Die folgenden Gefechte fielen ihr deshalb nicht schwer. “Die Kämpfe gingen schnell, ich habe Kraft gespart.” Selbst die Holländerin Gravenstijn, gegen die Bönisch noch nie gewonnen hatte, fegte sie von der Matte. Im Finale stand ihr Kye Sun Hui gegenüber. Gegen die Nord-Koreanerin hatte sie sich 2003 im WM-Finale so schwer am Ellenbogen verletzt. Doch Bönisch ließ sich nicht noch einmal aus dem Gold-Rausch reißen und gewann mit einer kleinen Wertung. “Der Kampf hätte keine fünf Sekunden länger dauern dürfen, ich war platt.”
Die schweren Beine wurden bald ganz leicht. Olympiasiegerin. Ein Gefühl, das auch zehn Jahre später noch nicht in Worte zu gießen ist. “Wie fühlt es sich an – das ist die Frage, die am schwersten zu beantworten ist”, erzählt Bönisch.
Sicher sei jedoch, dass sie der Erfolg nicht verändert habe. “Ich spüre Respekt der Menschen. Manche halten mich für unnahbar.” Doch das sei nicht der Fall. “Ich steh einfach nicht gern im Mittelpunkt.”
Daher fiel ihr der Interviewmarathon nach dem Gold-Coup nicht leicht. “Darauf war ich nicht vorbereitet.” Die privaten Fragen – ihr damaliger Trainer und Partner Axel Kirchner hatte einen Heiratsantrag angekündigt – gingen ihr bald auf die Nerven. “Heute werden die Sportler durch Medientraining viel besser vorbereitet”, sagt die Trainerin des UJKC Potsdam. Vielleicht begleitet sie irgendwann selbst Judoka zu Olympia. Kürzlich hat sie allerdings ein Angebot des Deutschen Judo-Bundes, U18-Bundestrainerin weiblich zu werden, ausgeschlagen. “Für mich war klar, dass ich jetzt nicht gehen kann. Das tägliche Training in Potsdam macht mir viel Spaß.”
Insofern habe sie mit ihrem Karriereende 2009 alles richtig gemacht. Bei Olympia 2008 in peking war sie früh gescheitert. “Und die Motivation für London 2012 hat nicht mehr gereicht.” Bönisch hatte ja schon viele Entbehrungen erbracht. Bis zu 150 Tage pro Jahr war sie während ihrer Karriere zu Wettkämpfen und Trainingslagern unterwegs, hatte ihr BWL-Studium abbrechen müssen. Nach dem Rücktritt setzte sie sich wieder in die Uni, hat nun die Lizenz als Diplomtrainerin und den Abschluss Sportmanagement in der Tasche. “Im Moment ist alles perfekt”, sagt die jüngste Trägerin des 6. Dans aller Zeiten. Damit ist guter Schlaf garantiert.

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